Mittwoch, 15. Dezember 2010

Fünfzehn!

Ein Rotkehlchen kommt zu Besuch, wie wunderbar. Entzückender kleiner Vogel, der eigentlich recht unscheinbar ist, wäre da nicht sein rotes Brustgefieder. In alten Sagen wird das kleine Tier als Überbringer der Sonne gepriesen. Rot war in germanischer Zeit die Farbe des Lichts und vor allem des Feuers. In den christlichen Legenden hat das Rotkehlchen seine roten Brustfedern vom Blut Christi am Kreuz. Eine andere Version erzählt, dass sich das Rotkehlchen die Federn verbrannte, als es dem Jesuskind Feuer bringen wollte, um es zu wärmen. Es erscheint in den Geschichten also immer als ein sehr mitfühlendes Geschöpf. Wie ist das eigentlich mit dem Mitgefühl. Ich kann doch gar nicht fühlen, was Du fühlst? Selbst wenn ich den gleichen Stoff anfasse, fühle ich, was ich fühle - nicht was Du fühlst. Wir haben uns darauf geeinigt, irgendwann, zu sagen, dass etwas weich oder hart, kalt oder warm, kratzig oder sanft ist. Doch wie sich weich für Dich anfühlt kann ich ja nur ahnen. Ich kann auch deinen Schmerz nicht fühlen, nur die Erinnerung an den eigen Schmerz, an die eigene Freude lässt mich mitfühlen. Wenn ich etwas nie erlebt habe, wird das Mitfühlen sehr schwer. Mitgefühl ein so oft - gerade in diesen Tagen - eingefordertes und strapaziertes Ding. Ich möchte ja mitfühlen, denn ohne das ist Trost oder Begeisterung möglicherweise nicht denkbar. Sich mit jemanden über seinen Erfolg freuen, jemanden tröstend in den Arm nehmen ist so wichtig und so menschlich, im positivsten Sinn. Und doch frag ich mich, muss ich wirklich seine Gefühle mitleben um für ihn da zu sein? Kann es nicht sein, dass es auch einen ehrlichen Weg gibt, jemandem Nähe zu schenken, für ihn da zu sein und konkrete Hilfe zu leisten ohne erst einmal mitfühlen zu sollen? Muss man mich wirklich erst zu Tränen rühren, bevor ich aktiv werde? Ich weiß es nicht. Ich habe die Antwort nicht.
Für meinen Beruf war es von Anfang an wichtig, sich nicht hineinziehen zu lassen, nicht mit zu leiden um professionel handeln zu können - jedenfalls hat man uns das immer wieder eingetrichtert. Und es stimmt auch, zumindest für mich. Wenn ich mitfühle fehlt mir der Blick für die Situation, ich ergreife Partei, werde manchmal zu sehr zum Mithandelnden anstatt zum Unterstützer.
Aber gilt das auch für meine Familie, meine Freunde? Ich kann da oft nicht Distanz halten, fühle mit, manchmal sogar voraus und fühle mehr, als die Betroffenen selbst. Und wundere mich dann über die Reaktionen.
Wenn Du mich brauchst, dann sage es mir - ich bin für Dich da - gerne. Ich will versuchen offene Ohren und ein offenes Herz zu haben, will versuchen, die Zeit für Dich zu haben, die Du von mir einforderst - ich will weder deine Gedanken erraten müssen noch mich Dir aufdrängen. Ich fühle mich Dir verbunden und nahe - ich fühle nicht in Dir!
Aber ich ich fühle gerade mit Euch, Dir ihr euch hier verwirren lasst, durch meine "mitfühlenden" Gedanken!
psst - und noch ein Schaf:-)))

Kommentare:

  1. Liebste Susanne,
    ich wusste noch gar nicht dass dieses mir sooo symphatische Vögelchen in alten Sagen als Überbringer der Sonne gepriesen wird,darum mag ich ihn also so sehr ;o)!♥
    Hmmm,Mitgefühl...puh, ich finde das ist ein gewaltiges Thema.Auch dazu könnte ich wieder einmal endlos schreiben ;o)...aber dazu meine Liebe, bin ich heute einfach zu ko.;o).Ich drücke dich feste,Petie ♥

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  2. Oh, das Rotkehlchen, der Lieblingsvogel meiner Mama. ;-) Danke für diese lieben Informationen um dieses kleine Geschöpf, mir war das auch nicht bekannt. Und mit dem Mitgefühl ist das ja so eine Sache. Ich persönlich glaube nicht, daß man in manchen Dingen die Gefühle selbst erleben muß, um für jemanden da zu sein. In manchen Situationen ist es vielleicht hilfreich, aber manchmal auch nicht, da man etwas objektiver betrachten kann und sich ein bissel abgrenzt, so wie du es für deinen Beruf beschreibst. Auch teilweise als Selbstschutz. Sehr wichtig glaube ich ist auch die Frage, WIE ich mitfühle und was die Gesellschaft erwartet...aber das ist ein anderes Thema. ;-) Sei ganz lieb gegrüßt und nochmals DANKE für diesen wunderbaren Adventskalender. Herzlichst, Tina

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  3. Liebe Susanne, das Rotkehlchen freut das Federbärchen ganz besonders! Du gestaltest so wunderschöne Geschöpfe!
    Sei ganz lieb gegrüßt! Danke für Deine Gedanken üper das Mitgefühl - regt mich wieder an, darüber nachzudenken!
    Claudia

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  4. Interessante Fragen,die sich vielleicht nicht abschließend beantworten lassen (wie alle wichtigen,glaube ich).Für mich ist Mitgefühl eigentlich das,was den Menschen ausmacht.Wer mitfühlt,handelt nicht unmenschlich,er ist in der Lage und willens,sich in einen anderen hinein zu versetzen (mag es Mensch oder Tier sein). Natürlich sollte man,gerade wenn man helfen möchte,einen kleinen Abstand wahren,da man sonst die Kraft verlieren kann.
    Aber Du hast recht,ich kann nie WISSEN was ein anderer wirklich fühlt,genauso wenig umgekehrt,und so gesehen sind wir mit unserer Innenwelt ganz allein.
    Nach Deinen Erklärungen habe ich jetzt ein Faible für Rotkehlchen!
    Liebe Grüße!
    Ela

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