Mittwoch, 9. Dezember 2009

Tag 9


Die Plätzchenbäckerei nimmt kein Ende. Die ersten Lieblingssorten haben meine Liebsten und unsere Gäste bereits vertilgt. Da muss Nachschub her, wir haben ja erst etwas mehr als ein Drittel des Wegs hinter uns. Der Proviant soll ja nicht ausgehen auf dem Weg. Zufällig krame ich in der "Backschublade" einen Ausstecher heraus, der mich an einen Spruch erinnert, den ich mal gelesen habe: "Back Dir deinen Traummann"! Und sofort melden sich meine Kopfbewohner und beginnen zu streiten. Ich kann Euch sagen, da war was los!
So wilde Diskussionen hatten die schon lange nicht mehr. "Ich hab Dir immer gesagt, schau Dir vor der Hochzeit die Schönheit seiner Hände an. Das ist für viele Jahre alles was du beim Frühstück zu sehen bekommst, wenn er hinter seiner Zeitung verschwindet!"
"Ach was, auf Schönheit kommt es überhaupt nicht an, Männer müssen zuverlässig sein!"
"So was, wer will schon Zuverlässigkeit? Ich will Leidenschaft!"
"Na, das wäre ja noch schöner! Bitte, ich will, dass er im Haushalt mit hilft, sich nützlich macht, sich nicht bedienen lässt!"
"Blödsinn! Männer müssen strebsam sein, und deiner ganz besonders!"
"Ne, ne! Familiensinn soll er haben, aber bitte so, wie ich mir das vorstelle! Und einfühlsam soll er sein"......
Ich bin ganz verwundert, wo diese ganzen Stimmen herkommen. Ich grüble darüber nach, mit wie vielen Bildern und Zuschreibungen ich herumlaufe. Ich frage mich ernsthaft, ob ich meinem Mann wirklich mit diesen widersprüchlichen Erwartungen begegne. Bin ich so, oder denke ich nur, ich wäre so, weil mein Hirn diese Sätze im Laufe meines Lebens aufgesammelt hat? Und geht mir das mit den anderen Menschen in meinem Leben auch so, dass ich von ihnen Seiten erwarte, von denen sie nichts ahnen?
Backt mein Mann sich seine Traumfrau, wenn er mich ermutigt oder bremst? Backe ich mir meine Traumkinder, wenn ich ihnen etwas rate? Backe ich mir meine Traumfreundin, wenn ich sie mit meinen Ideen von Freundschaft konfrontiere? Und wie ist das mit mir selbst? Backe ich mir mein Idealbild von mir, wenn ich mich zeige?
Vor vielen Jahren habe ich mal gelesen:
"Ich bin nicht auf dieser Welt, um so zu sein, wie andere mich haben wollen!"
Mal abgesehen davon, dass ich es gar nicht einfach finde, immer zu wissen, wie ich sein will , woher bekomme ich die innere Freiheit, das wenige Bewußte auch zu leben?
Aber woher kommt die Kraft, den Menschen um mich herum genau diesen Raum einzuräumen? Wie ist das mit dem "Zulassen können"? Wie fühlt es sich an, nicht zu beeinflussen? Erwarten die anderen von mir Zurückhaltung, Abwarten, Zuschauen?
Was will ich eigentlich, und wie will ich es eigentlich?
Ach je, und das alles nur, weil ich neue Plätzchen backen wollte!
Liebe Kopfbewohner! Macht mal ne Pause, ich kümmere mich morgen wieder um euch! Erst mal backe ich! Ruhe jetzt!"

Kommentare:

  1. Du solltest die nächste Weihnachtsansprache halten, das ist ja genial! :-) Deine Gedanken sind toll. Und es macht Freude Dich zu lesen und ein bisschen mitzubacken :-)). Danke!! Liebe Grüße, Kessi

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  2. Liebe Susanne,
    dazu fällt mir gerade der Spruch ein, den ich auf einer Karte gestern gelesen habe:
    "Sehnsüchtig grüßt der, der ich bin,
    den, der ich sein könnte.."
    Kierkegard

    ja so ist das mit dem wenn und aber, weil der Mensch nie zufrieden ist und es immer gern anders hätte.
    Herzliche Grüße an die Kopfbewohner!!!
    vielleicht lassen sie sich gelegentlich mit plätzchen bestechen und Glühwein betäuben ;o)??
    Liebste Grüße, cornelia

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  3. Der Spruch mit den Händen und der Zeitung hat mich zunächst zum Lachen gebracht, der weitere Text jedoch wieder einmal zum Nachdenken!
    Ich glaube jeder hat einige "Backformen" in seinem Besitz, die er gelegentlich einmal einsetzen will. Ob aber tatsächlich immer das heraus kommt, was man erwartet hat? Bevor es jetzt zu kompliziert wird, helfe ich dir lieber beim Plätzchen backen ;o).
    Liebe Grüße
    Petra

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  4. Ganz HERZLICHEN DANK für Deine GeDANKen! Mit Vergnügen und Freude habe ich sie mir eben durchgelesen und werde wiederkommen ;) Es ist wunderbar, einen Moment innezuhalten und den Tag auf diese Weise zu beginnen...
    Liebe Grüße
    Jana

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