Sonntag, 6. Dezember 2009

Tag 6


Ich weiß, ich weiß! Heute bin ich spät dran. Und ich denke, das ist auch gut so! Denn so kann ich mit etwas Abstand schreiben, bin vielleicht nicht mehr ganz so entrüstet.
Man ( oder Frau) ließt Sonntags gerne mal Zeitung - auch wenn man unterwegs Richtung Weihnachten ist. Frau will ja auf dem Laufenden bleiben. Heute wäre ich besser in die Küche geeilt und hätte noch ein paar Plätzchen gebacken. Aber wer ahnt schon, was einem da entgegen springt? Wer weiß schon, dass ein einziger Satz ausreicht, um einen den ganzen Tag zu irritieren.
"Machen Sie Ihr Leben bunter!" steht da. Es ist nur eine Werbung für irgend etwas. Erst stutze ich, denke noch, was für ein Unsinn. Wie kann man mit einen Produkt x sein Leben bunter machen. Dann fällt mir der Befehlston in dieser Zeile auf. Und mit einem Mal bin ich Mitten in einem Gefühlschaos. Seit einiger Zeit stört mich der zunehmende Befehlston all überall. "Sorgen Sie vor" - " Denken Sie an Ihre Familie" - "Kommen Sie zu uns, wir beraten Sie" - "Wechseln Sie zu...". Was geschieht da mit uns.
Ist der Konsum so wichtig geworden, dass wir nicht mehr anbieten sondern anordnen?. Sind wir schon so überflutet, dass nur noch das Befehlen hilft? Sind wir so abgestumpft, dass uns eine höfliche Frage nicht mehr berührt. Ich bin verwirrt und zornig. Aber warum nur? Welchen Nerv hat dieser Satz in mir berührt? Was bewegt mich so sehr, dass ich darüber die Sonntagsruhe verliere? Ich versuche Abstand zu gewinnen, aber ganz gelingt es mir nicht.
Erst nach und nach beginnt sich der Nebel zu lichten. Ich fange an zu verstehen, dass es mich trifft, wenn jemand versucht Macht über mich und meine Gedanken zu erlangen. Es stört mich, wenn man mich manipulieren will. Und es ärgert mich, dass ich so lange brauche um diese Absicht zu durchschauen.
Ich glaube, es ist diese Art von Grenzverletzung, die mir die Ruhe raubt. Denn es ist nicht die Absicht derjenigen, die mir diese Steine in den Weg legen, die mir Angst macht. Es ist meine mangelde Wachheit, meine eigene Unkonzentriertheit, die diesen Absichten Zugang zu mir gibt. Das macht mir Angst.
Wie kann es denn sein, dass ich, selbst nach so vielen Jahren Erfahrung mit den Versprechen und Verlockungen der Werbung immer wieder mal auf neue "Befehle" reagiere und Dinge kaufe, die der Mensch wirklich nicht braucht. Wie kann ich meinen Kindern helfen, dem Konsumdruck zu widerstehen, wenn ich selbst nicht merke, wie ich schon längst widerstandslos bin.
Gerade jetzt, in der Adventszeit, in der die Schlacht um den Kunden ihren Höhepunkt erreicht - und das jedes Jahr aufs Neue - da müsste ich doch wachsam sein, meine Grenzen schützen und vor allem die meiner Kinder. Und erst als ich versuche, dieses wirre Gedankengebäude für Euch aufzuschreiben, da geht mir ein Licht auf.
Ich darf mir das alles ansehen, ich darf mich darauf einlassen, mich darüber amüsieren, wie sie versuchen, sich in meinen Kopf zu schleichen. Ich darf ihnen Platz machen auf dem Weg. Ich darf sie vorbei lassen, denn sie wollen sich beeilen.
Ich kann mir die Erlaubnis zur Gelassenheit geben und auf die Stärke meiner Kinder vertrauen. Ich darf mit Zuversicht auf meinen Weg schauen, denn er ist ganz gut bereitet. Er ist nicht perfekt, ich darf auch mal stolpern. So lange ich das nicht als persönliches Versagen sehe, hat niemand Macht über meine Gedanken.
Und dann ist da noch eine Antwort meiner Tochter aus der letzten Woche. Auf meine Frage, was sie sich wohl zu Weihnachten wünsche, da sagt sie: " Ich glaube, ich hab wirklich alles, was ich brauche!"
Wir dürfen alle ganz viel Vertrauen in einander haben!

Kommentare:

  1. ...Kein Mensch kann sie wissen,
    Kein Jäger sie schießen.
    Es bleibet dabei:
    Die Gedanken sind frei!

    Hoffen wir und vertrauen wir darauf, dass sich das niemals ändern wird.
    Eine schöne Woche mit weiteren, wertvollen, nicht manipulierbaren Gedanken, zu denen du uns diesen wunderbaren Wegt bereitest, wünsche ich dir und uns.
    Herzliche Nachtgrüße
    Petra

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  2. Ach Gabriela,
    ich muss grad mal kichern...
    nicht, weil deine Gedanken heute komisch wären, aber mir ist es genau so gegangen; es machte mich wütend, im Marketingunterricht zu hören, welch subtile Tricks die Werbung drauf hat, um uns zum Ziel zu bringen...
    Ich habe mich dann gefragt, ob ich mich auch so manipulieren lasse, ob es ein Produkt gibt, das ich nur probiert habe, weil die Werbung es empfahl, und ich wollte nicht, dass das so einfach sei...
    Ich habe tatsächlich eines! gefunden: seit Jahren ist es ein liebevolles Hin und her bei uns gewesen, mein Mann möchte die Butter knallhart aus der Kühlung, ich mag sie lieber verstreichen können: Das Produkt mit der streichfähigen kalten Butter ist seither meins :-) und kann sich rühmen, allein zu sein.

    Du hast recht: wir können schauen und uns über ihre selbstgerechte vermeintliche Schläue amüsieren, um dann höflich beiseite zu treten...

    Ärger dich nicht.
    Sie halten es für den einzig richtigen Weg...

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  3. Na da ist etwas sehr wahres dran - mich ärgert die Werbung - ich verscheuche irgendwelche Telefonmarketing-Callcenter - auch die dreiste Tante von der Briefpapier-Behinterten-gemalten-Bildchen(angeblich) - uh ist die unangenehm- einfach aus dem gleichen Grund - ich möchte SELBER bestimmen, was ich wann und von wem kaufe!
    Hier gibt es keine Zeitung mehr und Fernsehen schaue ich schon kaum mehr - denn Werbung nervt mich total! Leider leidet mein Allgemeinwissen ein wenig - dafür aber nicht meine Zufriedenheit. Meine Tochter meinte mal zu mir - ich wünsche mir zum Geburtstag, daß mama und papa mich immer lieb haben! Nichts mehr! Da war sie 3 Jahre alt!
    Liebste Grüße Tinki - dennoch Buntes Leben ist auch total klasse - aber nur selbstbestimmtes!

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