Samstag, 5. Dezember 2009

Tag 5


Eine besondere - oder soll ich sagen sonderbare - Begegnung hatte ich heute auf dem Weg. Es war so hell, so licht und das Laufen fiel ganz leicht. Plötzlich hörte ich Stimmen. Da saßen zwei Frauen am Wegesrand und unterhielten sich. Die eine war schon alt - und doch war ihr Gesicht wie das eines jungen, unbekümmerten Mädchens. Die andere saß zusammengesunken und müde da.
"Wie heißt Du?" fragte die eine. "Ich bin die Traurigkeit"!
Oh, du bist die Traurigkeit, schön dass ich dich endlich treffe!"
Misstrauisch schaute die müde Gestalt auf. "Du kennst mich? Warum flüchtest du nicht vor mir?"
"Ich weiß sehr wohl, dass du jeden Flüchtenden einholst. Aber sage, was tust du hier, du siehst so mutlos aus?"
"Weißt Du", sagte die Traurigkeit. "Ich bin so alleine, niemand mag mich. Dabei brauchen mich die Menschen manchmal. Aber sie meiden mich, wie nichts Gutes. Sie verscheuchen mich mit Sätzen wie: Gelobt sei, was hart macht! Man muss sich nur zusammen reißen! Nur Schwächlinge weinen! Oder sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen. Die ungeweinten Tränen versteinern ihr Herz, sie verspannen sich lieber, als mich zuzulassen.
Dabei will ich doch nur helfen. Ich will ihnen helfen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Ich will ihnen helfen, den Schmerz weg zu weinen - und sie wollen sich lieber grell schminken, und der Welt ein fröhliches Gesicht zeigen."
Sie fing bitterlich an zu weinen. Da nahm sie die alte Frau in den Arm und sagte nur: "Weine ruhig, damit du neue Kraft sammeln kannst. Ab heute musst du nicht mehr alleine gehen. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt."
Die Traurigkeit sah auf und fragte erstaunt: " Aber... wer bist du eigentlich?"
"Ich? Ich bin die Hoffnung!"
(nach einer Geschichte von I.Wuthe)

Kommentare:

  1. Liebe Susanne,
    das ist eine sehr mutmachende Geschichte, dort wo die Traurigkeit ist, ist die Hoffnung nicht weit. Beides gehört zusammen, ein jedes braucht Platz im Leben eines Menschen, soll aber nicht für sich alleine stehen!
    Danke Susanne und gute Nacht!
    Claudia

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  2. Hach, sooooo schön!Ich lese dieses kleine Geschichtchen heute das dritte mal , es gefällt mir sehr gut und man kann herrlich in sich gehen und darüber nachdenken.Herzlichen Dank, für Tag 5 und deine Mühe die du dir jeden Tag für uns machst!Alles Liebe, Petra ♥

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  3. Möge die alte Dame immer zur rechten Zeit am rechten Ort sein.
    Danke für Teil 5 der Wegesstrecke und einen herzlichen Nikolausabendgruß
    Petra

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  4. Wunderschön! Ich werde mir Deine Geschichte merken und all denen erzählen die in ihrer Trauer eine Geschichte hören wollen.
    Danke.
    tanja

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  5. jetzt muss ich doch mal anmerken, wie gut mir Deine Fotos gefallen, die Du immer zu den Tagen miteinstellst!!! Dekorierst Du extra oder hast Du überall so schöne Eckchen die zum Hinsehen einladen ??? Toll!!!
    Danke für Deine Mühe und Tag 5!
    Steph

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  6. Wie schön, dass die beiden jetzt nicht mehr alein unterwegs sind!

    Was für eine herzerärmende Geschichte, Susanne, so schön!

    Danke!

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  7. Es gerade jetzt zu lesen, tut gut.
    Danke♥

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