Freitag, 4. Dezember 2009

Tag 4


Der Weg führt einen ja an mancherlei entlang. Ob wir nun geradeaus schauen, unsere Füße betrachten, um nicht zu stolpern, ob wir zum Himmel hoch blicken oder unsere Augen über den Horizont wandern lassen - unsere Augen sind geöffnet. Wir bewegen uns ja. Und mit geschlossenen Augen in der Welt herum zu laufen, das machen wir freiwillig nur, wenn wir "Blinde Kuh" spielen. Wenn das Leben es gut mit uns meint und wir unsere Augen gebrauchen können dann leben wir mit den Bildern die sie uns liefern. Wir leben dann in einer Welt aus Licht und Schatten, mit Farben und Formen, die wir meist sicher wiedererkennen können. "Aha, eine Rose - wie schön! Und hier steht ein Baum, sieh an, eine Eiche, sehr beeindruckend! Und nun kommen wir an Häusern vorbei, klein sind die, aber wirklich gepflegt". Wir erkennen unsere Welt. Gott sei Dank ist das so! Es gibt uns große Sicherheit, dass ein Baum so aussieht wie ein Baum eben aussieht und die Post so nett ist, Briefkästen immer gleich aussehen zu lassen. Wenn der Verkehr fließt, liegt es nicht zuletzt daran, dass wir die Verkehrsschilder erkennen, einordnen und "befolgen" können. Und doch, Sicherheit ist das eine. Staunen etwas anderes. Unser Gehirn nimmt alles, was es kennt einfach als selbstverständlich hin. Es bemerkt es oft gar nicht mehr so recht. Oder geht ihr morgens zum Bäcker und bestaunt die Häuser am Weg, beachtet mit großem Glück das Namensschild am Eingang zur Straße, in der der Bäcker seinen Laden hat, weil ihr nun wisst, wo es lang geht? Ich tue dies nicht. Ich eile den Weg entlang, denke über alles mögliche nach, kaufe unser Brot und eile zurück. Staunen kann ich nur selten. Da muss schon was vor meine Augen kommen, dass mich aus dem Trott holt. Etwas, das mein Gehirn noch nicht so oft zu Gesicht bekommen hat.
Das ist bestimmt einer der Gründe, warum Kinder noch so staunen können - für sie ist vieles noch ganz neu, noch nicht so "eingebrannt". Und es ist vielleicht eine Ursache dafür, dass wir es immer höher, weiter und schneller brauchen, um sagen zu können, das war schön, wunderbar, das war etwas beeindruckendes.
Die Weihnachtsmärkte in der großen Stadt, ganz in meiner Nähe werden von Jahr zu Jahr immer lauter, bunter, heller und geschäftiger. Mich irritiert das und ich kann es gleichzeitig verstehen. Wenn sich nichts verändert, wird es langweilig.
Es wär so schön, wenn wir aus der Langeweile manchmal wieder eine lange Weile machen könnten. Wir können die Welt nicht mehr mit Kinderaugen sehen, so schön das wäre. Aber wir können sie mal anders ansehen. Einfach so.
Wenn wir unseren Weg gehen, dann können wir uns ansehen. Uns erkennen. Die Pflanze am Wegrand einfach mal betrachten, ohne sie gleich in eine Schublade zu stecken. Wenn wir uns erlauben, die Betrachtung statt der Einordnung und Bewertung in den Mittelpunkt zu stellen, wenn wir den Standpunkt mal verändern - dann sehen wir bestimmt so viel Neues oder vieles neu. Und manchmal erleben wir die Welt mit geschlossenen Augen wieder ganz neu.
Sicherheit ist wichtig - sicherlich - doch das Staunen ist es auch!
Ich bin sehr froh, dass Ihr diesen Weg mit mir geht, denn durch eure Begleitung sehe ich vieles neu!

Kommentare:

  1. Und ich sehe so vieles neu, dadurch dass du uns diesen Weg bereitest!
    Ich weiß nicht, ob es eine Frage des Alters ist, aber ich bemerke, dass auch ich in den letzten Jahren immer mehr von der Glitzerwelt abrücke und mir wieder stärker alter Traditionen bewusst werde; Natur bemerke, genieße, achte; Jahreszeiten bewusster zur Kenntnis nehme und schätze und natürliche Materialien und Lebensmittel bevorzuge. Klar nehme ich auch die Annehmlichkeiten unserer heutigen, modernen, technisierten Welt in Anspruch: über die Nutzung von Auto, PC, Handy usw. macht man sich kaum noch Gedanken, sind selbstverständliche, fast "lebenswichtige?" Begleiter geworden. Daher bin ich auch dankbar, dass man durch Denkanstoß oder Gedankenaustausch einmal ins Staunen (Innehalten, Nachdenken) kommt, wie jetzt durch dich. Inzwischen warte ich schon sehnsüchtig auf die Fortsetzung deines/unseres Weges ;o).

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  2. Liebe Susanne,
    ja, ich gebe dir recht, ich denke, dass es vielen so geht.Aber ich muss sagen,ich selbst staune recht viel ;o)!Und ich sehe,wahrscheinlich dank des Kleinsten die Welt noch ganz oft mit Kinderaugen ;o).Wir sehen die Käfer auf dem Weg, die wir ersteinmal beiseite schaffen damit niemand dauf tritt.Wir können in den Himmel gucken und schauen was für Formen die Wolken haben,wir wissen ganz genau was kleine Paulinas mögen und das Rauhreif aussieht wie 1000 kleine weisse Stacheln ;o).Es ist toll ;o), doch könnte so manch einer denken (von den Großen,Erwachsenen)´"Die Alte hat doch nen´Knall!"Bestimmt sind noch viiiiiiellll Menschen mehr in der Lage , die Welt mit Kinderaugen zu sehen,aber sie trauen sich vielleicht nicht, denn wer ausser mir möchte noch nen´"Knall" haben ;o).Ein kleiner Gedanke dazu und viele, liebe Grüße, Petra ♥

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  3. Liebe Susanne,
    ich habe mich heute schon den ganzen Tag auf Deine Gedanken gefreut! Du hast vollkommen recht, wir gehen durch den Alltagstrott oft an schönen Sachen ganz unachtsam vorbei, leider. Vor kurzem habe ich in einer Qi Gong Sendung einen interessanten für achtsames Wahrnehmen der Umwelt gelernt: Sofern es der Weg erlaubt, soll man einfach mal eine Strecke rückwärts gehen. In unserem letzten Achenkirch-Urlaub haben das mein Freund und ich ausprobiert, unglaublich, wie sich die Umgebung dadurch verändert hat! Alles habe ich viel intensiver wahrgenommen. Vielleicht hat jemand mal Lust, das auszuprobieren, ich kann es nur empfehlen!
    Hast Du Deine Barbarazweige noch ergattert? Ganz herzlichen Dank für Deinen lieben Kommentar, freue mich immer sehr darüber!
    Herzliche Grüße von
    Claudia

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  4. Hallo Susanne - auch ich kann nur sagen, daß dies eines der schönsten Advendstürchen sind, die ich bisher hatte - feine Gedankengespinste, die sich fein in meinem Gehirn zusammenranken angeregt durch Deine wundervollen Worte...
    Mir geht es ein wenig wie Paulina - ich habe das Glück, eine kleine Tochter zu haben, die für jedes kleine Gefühl und jedes Staunen offen ist. Da wird auch mal ein Baum umarmt und versucht zu erforschen, was einem der Baum für Gedanken schenkt... da werden Haselnüsse gesammelt - aber auch getrauert, wenn ein geliebte Erle einfach am Wegesrand abgehauen wurde - warum ? Hier ist noch viel Staunen und freuen über die kleinen Dinge im Leben! Dennoch geht manches viel zu schnell und viel zu hektisch. Ich mag keine Menschenaufläufe mehr, mag keine vollen Sääle - keine Leute, die mich anstoßen, aber ich mag gute Gespräche - wie Deine Gedankenanstöße! Danke! Liebste Grüße Tinki

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  5. Guten Abend Susanne.
    Gestern fühlte ich mich ja irgendwie "ertappt". Eine Weile nachdem ich Dein Türchen geöffnet hatte. Und es beschäftigt mich noch immer. Ich überlege was ich verändern muss um nicht nach Schlüsseln zu suchen, wo garkeine verloren sind. Das ist nicht leicht. Geht es doch um die Schlüssel zu dem Liebsten was ich habe: die zu meinem Kind.
    Wie schön was Du heute schreibst. Das Staunen oder mal mit anderen Augen sehen. Hier geht es mir (vielleicht dank der Kinder) oft als sähe ich Sachen auch zum ersten Mal oder wenigstens mit anderen Augen. Als meine Kleine vor ein paar Tagen zum erstenmal den beleuchteten Stern im Fenster sah, wie konnte sie staunen! Wie hüpfte mir das Herz!
    Und es sind sooo viele Kleinigkeiten! Manchmal macht sie mich einfach auf die Schuhe einer Frau im Bus aufmerksam und sagt: sau mal söne suhe! Sie freut sich jedesmal über einen Luftballon als sei es der erste den sie sieht und wenn ich ihr einen Mond aufs Papier male sagt sie immer: Ooooh! Und freut sich selbst das 50. Mal noch drüber. Und ich glaube das steckt an. Es hat auch etwas mit der Leichtigkeit zu tun, die die Kinder noch haben. Das nicht an später und keinesfalls an morgen denken.
    Und was bringt uns der nächste Tag?
    tanja

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  6. Liebe Susanne,
    deien Betrachtungen sind wirklich eine Bereicherung für uns! Sie geben uns abseits des Trubels ein paar Gedanken auf den Weg, um für einen Moment inne zu halten, und diesmal den Advent ganz besonders schön zu erleben!
    auch wenn ich nicht immer dazu kommentieren kann, weil mir grade nichts geistreiches einfällt, so lese ich und denke nach!
    Danke dir, du Liebe!
    Achtsamkeit ist eines der wichtigsten Dinge, die wir uns bewahren sollen -achtsam sein für die Schöpfung und alle Wesen die auf unserem Planeten leben, ob Mensch oder Tier!
    Herzliche Grüße, cornelia

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  7. Liebe Susanne,
    Ich nenne es mal Gänsehautgefühl, das hast du mit deinen Worten bei mir schon erreicht und genau dieses "Sehen" nach Verborgenen ist gerade bei Kreativen ganz besonders ausgeprägt.
    Vieles , wo man "Ohhhhhhhh und Ahhhhhhh" ruft ist für andere banal....Visuelle Wahrnehmung,was für ein Wort, aber auch so wichtig!
    Deine Worte schaffen es- das was man lebt-einem noch bewußter zu machen.
    Herrlich, also mein Tag ist gerettet.
    Ganz liebe Nikolaus Grüße
    Kerstin

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