Samstag, 12. Dezember 2009

Tag 12



So ein Weg führt uns manchmal ja auch an eine Kreuzung und wir müssen uns entscheiden wohin wir uns wenden wollen. Entweder ... oder vielleicht doch die andere Seite. Wenn ich hier entlang wandere komme ich nach Glückstadt - aber wenn ich dort entlang laufe finde ich vielleicht endlich den Weg nach Gesundbrunnen. Wo soll es denn nun entlang gehen? Wer hat denn bitte eine Landkarte, damit ich mich entscheiden kann. Ach ja, und einen Ratgeber hätte ich auch noch gerne. Ein Reiseführer wäre auch nicht zu verachten. Vielleicht geh ich noch mal zurück und schaue mir erst einen Film über den Weg an, dann fühle ich mich sicherer. Und während ich noch so dastehe und grüble, ob, wie, wann, oder ob nicht, kommen mir ein paar Kinder entgegen, die einen kleinen Vogel in einem winzigen Käfig mit sich tragen. Sie lärmen und kichern, es hört sich an wie Schadenfreude. Ihr kennt mich ja nun, ich bin nicht nur neugierig, nein, ich kann auch meinen Mund nicht immer verschlossen halten. Also spreche ich einen Knaben an und frage ihn, was sie denn vorhätten? Er sieht mich an, zögert einen Moment - man weiß ja nicht ob man mir trauen kann. Als er zu sprechen beginnt huscht ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht. "Komm doch mit, ich erzähle es Dir auf dem Weg, ich will nämlich nix verpassen!" Und so laufe ich neben ihm her und er erzählt mir, was die Kinder vorhaben.
Er erzählt mir von einem weisen alten Mann, der immer wieder kluge Dinge sagt, ständig schlaue Bücher schreibt. Dauernd würden die Kinder zu hören bekommen, was der weise Mann gesagt, gedacht oder geschrieben hat. Das würde sie ganz schön ärgern. Und jetzt hätten sie eine Idee, wie sie allen beweisen könnten, dass der Alte gar nicht so klug ist, wie alle immer tun. "Wie wollt ihr das denn schaffen?" frag ich ihn. Schon wieder dieses Lächeln. Sie wollen den Vogel einem von ihnen in die Hand stopfen und die geschlossene Faust dem Weisen unter die Nase halten, berichtet er. Sie wollen den Mann fragen, ob das, was sie in der Hand haben, lebt oder tot ist! Und wenn der Alte sagt, das lebt, dann schließt sich die Faust fest um den Vogel - und damit hat er falsch geraten. Und falls er sagt, da sei tot, dann ließe man den Vogel frei - und wieder hätte er die Antwort nicht gewußt.
Ich bin ganz still geworden. 
Endlich angekommen führen sie ihren Plan aus. Dem Kleinsten stopfen sie den Vogel in die Hand und er baut sich vor dem alten Mann auf. "He Du, weiser Mann, das, was ich in meiner Hand halte - lebt das, oder ist das tot?
Der Alte sieht dem Jungen eine Weile in die Augen. Plötzlich lächelt er und sagt:
"Ob das lebt, oder ob das tot ist, das liegt ganz allein in deiner Hand!"

Ganz still drehe ich mich um und kehre zu meiner Wegkreuzung zurück - und gehe einfach. Vielleicht liegt es nicht am Weg sondern an mir, ob er der richtige für mich ist. Gerade fliegt der kleine Vogel an mir vorbei.

Kommentare:

  1. Liebe Susanne

    ...ich lese ja schon die ganze Zeit mit und deine Gedanken zu diesem oder jenem trage ich mal mehr mal weniger mit mir mit und paare sie mit meinen Gedanken.
    Heute möchte ich dir einen Denkanstoss geben:-)

    Wir Menschen sind ja mit dem freien Willen ausgestattet und so haben wir allein die Wahl. Immer und täglich! Es ist also egal, welchen Weg man einschlägt; DENN wir haben in jeder Sekunde die freie Wahl, auf dem Hacken kehrt zu machen, wenn wir für uns erkennen, dass wir doch einen falschen Weg eingeschlagen haben.
    Auch auf nicht so schönen Wegen lernen wir für das Leben und vielleicht behütet uns der Gedanke daran vor neuen falschen Wegen?
    Die höchste Kunst an allem scheint zu sein, dass wir uns eingestehen, uns geirrt zu haben ...

    Ich wünsche dir jedenfalls ganz viele Wege ohne Stolpersteine; you now?

    Liebe Grüsse, Anette

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  2. Guten Abend Susanne,

    diese Kreuzungen gibt es immer wieder im Leben und auch ich habe schon mehrfach davor gestanden.

    Aber mit dem (für mich gültigen) Wissen, dass es keinen "richtigen" und "falschen" Weg gibt, sondern einfach nur zwei Möglichkeiten. Keine ist richtiger oder falscher als die andere.
    Aber immer gibt es eine Möglichkeit die sich in meinem Herzen gut anfühlt. Die bin ich bisher auch meistens gegangen.
    Im Rückblick waren es manchmal "Umwege". Aber gerade auf diesen Umwegen habe ich sehr viel gelernt. Und ich würde die Strecke doch auf sehr ähnliche Weise gerne wieder gehen!

    Das ist mein Weg. Aber jeder hat seinen eigenen und jeder geht ihn selbst.

    Liebe Susanne, der Weg zu Deinem Blog gehört auf jeden Fall zu denen, die ich immer wieder gerne gehe ;0)
    tanja

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  3. Deine heute eingestellte Geschichte ist wieder einmal sehr tiefsinnig und regt auch diesmal an, sich über den eigenen Weg Gedanken zu machen. Und auch wenn die Geschichte mit Bildern und Metaphern arbeit, hat sie mir doch einen kalten Schauer über den Rücken jagen lassen. Denn ich glaube, auch wenn das in diesem Zusammenhang hier nicht die entscheidende Rolle spielt, dass mit dem "Leben" (egal ob von Mensch oder Tier) heute manchmal so gedankenlos und leichtfertig umgegangen wird, wie in der Geschichte beschrieben.
    Was ich auch schon immer einmal bemerken wollte: Mir gefällt gut, dass uns die Fliegenpilzkugeln auf deinen täglichen Kalenderfotos begleiten. Auch eine schöne Idee.
    Herzliche 3.Adventsgrüße
    Petra

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